Nach Notverkauf von Bear Stearns:
“Kein Grund, in die Panik hinein zu verkaufen”
Der Sonntag, normalerweise ein Börsen-Ruhetag, war so turbulent wie noch nie. Ich selbst war noch bis nachts wach, um die Entwicklung in Asien zu verfolgen, nachdem es zuvor von der Wall-Street gewichtige News gab:
- Aktueller Marktkommentar von Bernd M. Otto, Trader und Herausgeber des Börsenbriefs “Investment24″ -
Bear Stearns, eine der größten Investmentbanken an der Wall-Street, hatte am Freitag eine dramatische Verschlechterung der Liquiditätslage bekannt gegeben, nachdem Kunden dort massiv Gelder abgezogen hatten. Dieser Liquiditätsengpass wurde dann am Freitag in einer Eilaktion von JP Morgan und der US-Notenbank FED überbrückt. Dass die FED eingreift, um ein einzelnes Unternehmen zu stützen, obwohl deren Aufgabe die Überwachung der Stabilität des Finanzmarktes insgesamt ist, hat gezeigt, wie sehr man sich vor den Schockwellen fürchtet, die ausgelöst werden würden, wenn eine namhafte Investmentbank tatsächlich pleite ginge.
Bear Stearns war am Freitag von 57 USD (Schlusskurs Donnerstag) auf 30 USD (Schlusskurs Freitag) abgestürzt, nachdem die Liquiditätsengpässe kommuniziert worden waren. Nach dem extremen Rebound von Thornburg Mortgage fanden auch die Bear-Stearns-Aktien Käufer, natürlich ebenfalls von vielen Rebound-Tradern und anderen Marktteilnehmern, die sich dachten, dass fast 50% Abschlag an einem Tag für ein namhaftes Unternehmen zu viel sind.
Auch ich habe die Aktie den ganzen Freitag über beobachtet, aber mein Bauchgefühl hat mich vor einem Einstieg gewarnt - zum Glück: Schlusskurs 30 USD, und am Sonntag platzte dann folgende Nachricht herein: JP Morgan übernimmt Bear Stearns für 2 USD je Aktie! Hier fehlt keine Null, es sind tatsächlich 2 USD gemeint. Das heißt, dass jeder, der am Freitag auf Rebound gesetzt hat und die Aktie übers Wochenende gehalten hat, jetzt über 90% im Minus ist (!)
Stellen Sie sich mal vor, Sie hätten die Aktie im Depot und würden mit solch eine Meldung konfrontiert werden. Horror, oder? Ich habe den ganzen Sonntag Abend alle möglichen Berichte in den US-Medien verfolgt. Die Situation muss derart prekär gewesen sein, dass Bear Stearns trotz der Freitags-Liquiditätsspritze in völliger Bedrängnis war und daraufhin für das Wochenende mögliche Interessenten zu sich eingeladen hat. Es kamen aber nur JP Morgan und zwei weitere Private-Equity-Firmen.
Den Zuschlag erhielt letztlich JP Morgan, für die das Ganze wahrscheinlich ein Schnäppchen war. Ganz Bear Stearns hat nun nur 200 Mio. USD gekostet, obwohl deren Hauptverwaltungsgebäude in Manhattan bereits geschätzte 1 Milliarde USD wert ist. Das zeigt, wie viel Mist die Bank immer noch in den Büchern stehen haben muss, dass solch ein Risiko eingepreist wird und die anderen Investmentbanken noch nicht mal zur Präsentation aufgetaucht sind.
Laut Medienberichten haben viele Bear-Stearns-Beschäftigte am Samstag noch außerplanmäßig an der Erstellung der Präsentationen gearbeitet, damit man den potentiellen Bietern überhaupt einen hinreichenden Überblick verschaffen kann.
Wie geht es nun weiter?
Auf die gestrige Horrormeldung konnte man nicht mehr reagieren, weil der Markt bereits mit einem dicken Gap nach unten eröffnet hat und somit kann man nicht mehr rückwirkend zu den alten Kursen verkaufen, auch wenn das noch so schön wäre. Die Bear-Stearns-Aktionäre würden sich dies sicherlich wünschen, und lustigerweise habe ich vorhin eine Ausgabe eines Börsenbriefes erhalten, in dem eine derer Aktien rückwirkend zum Freitagsschlusskurs verkauft wurde. Lustig, wenn man bedenkt, dass jetzt Montag ist. Ich weiss zwar auch, dass ich in den letzten Tagen bestimmt nicht alles optimal gemacht habe, aber so etwas ist ja wohl der Gipfel.
Morgen steht die Zinsentscheidung der US-Notenbank an.
Ich hatte bereits vor ein paar Tagen die Vermutung geäußert, dass die Zinsen um 0,75% oder sogar 1% gesenkt werden. Aufgrund der aktuellen Ereignisse gehe ich davon aus, dass es tatsächlich 1% sein wird. Das wird dem Markt sicherlich einen positiven Schub geben, schließlich sind die beiden jüngsten Zinssenkungen (0,75% plus die nun wohl anstehenden 1%) die in der jüngsten Historie aggressivsten Zinssenkungen.
Zinssenkungen benötigen üblicherweise eine gewisse Zeit, bis die Wirkungen auch tatsächlich in der Konjunktur ankommen, üblicherweise nimmt der Aktienmarkt diese Entwicklungen aber voraus. Es wird nicht direkt eine Trendwende bringen, aber einen kurzen Schubs nach oben sollte die Zinssenkung eigentlich auslösen können.
Insofern werde ich bis morgen erstmal keine Positionsauflösungen tätigen, zumal ich keinen Sinn darin sehe, jetzt in die Panik hinein zu verkaufen (was auch regelmässig unklug ist). Ich warte die morgigen Zinssenkungen ab und dann sehen wir weiter.
Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung der Investment 24 AG aus dem Börsenbrief “Investment24” vom 17. März 2008 übernommen.
Bear Stearns, EZB, Fed, Investment24, Zinsen
Aktien-Info
| Lehman Brothers | |
| WKN: | 891041 |
| ISIN: | US5249081002 |
| Herkunft: | USA |
| Branche: | Holding |
| Aktienanzahl: | 552,71 Mio. |
| Marktkapitalisierung: | 1.862,63 Mio. € |
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