Boris M.:
Der Mut, Verluste zu realisieren
9.10 Uhr an einem Werktag im Februar. Boris M. eilt zu seinem Computer. Es wurde spät vergangene Nacht. Erst zwischen 3 und 4 Uhr fand Boris Schlaf. Er war einfach zu beschäftigt gewesen. Völlig vertieft in Finanzliteratur, hatte er bis weit nach Mitternacht gelesen und auch als er bereits müde war, hatten ihn die Gedanken über seine Anlagestrategie nicht los gelassen. Mittlerweile sitzt er vor seinem Computer, kramt nach seinen Bankunterlagen und loggt sich ein. Session-TAN, Realtimekurse und Charts im Abo. Immer up-to-date. Sekündliche Kontrolle.
Rrrrrrrrrrrrrrrrrrring. Rrrrrrrrrrrrrrrrrrring. Boris ist stolz auf seine Echtzeit-Kursalarme. Er müsse sein Trading professionalisieren, hatte er gedacht. Er wollte unabhängiger werden. Weg vom Bildschirm, an dem er dennoch häufig mehr als elf Stunden täglich verbringt. Das untere Limit, welches Boris gesetzt hatte, um im Falle eines Kurseinbruchs von der anschließenden technischen Gegenreaktion zu profitieren, war erreicht worden.
“Das sind auf jeden Fall 5%”, dachte er und platzierte seine Order. Alles schien seinen gewohnten Lauf zu nehmen. Innerhalb von zehn Minuten stieg Boris’ Trading-Position um 4,5 Prozent. Doch Boris wollte mehr. Innerhalb der nächsten Tage sollten Zahlen kommen und der Wert hatte bereits stark korrigiert. Boris entschloss sich, die Aktien mittelfristig zu halten, ja er hoffte nun sogar, noch einmal niedrigere Kurse zu sehen, um seine Position zu verbilligen. Und Boris sollte recht behalten. Der Kurs kam zurück und dümpelte leicht unter Boris’ Einstandspreis. Er schlug zu und verdoppelte den Bestand der Aktien, die allseits gelobt wurden und die innerhalb der vergangenen Monate bereits stark gestiegen waren. Sehr stark. Die Performance der vergangenen drei Monate müsste im Bereich der Wertentwicklung von Daimler-Chrysler innerhalb der letzten 30 Jahre liegen. Doch daran dachte Boris nicht. Erfreut über seinen scheinbar niedrigen Mischkurs lehnte er sich zurück.
Er plauschte online mit anderen Tradern, tauschte Anekdoten aus, las Zeitung und trank Kaffee. Der Kurs bewegte sich wenig, doch das störte Boris nicht. Schließlich hatte er sich entschlossen, mittelfristig investiert zu bleiben. Das sollten 1-2 Wochen sein. Er war sich sicher, dass die Aktie aus technischer Sicht einen Boden gefunden hatte, sie stark überverkauft war und zudem bald News kämen. Doch er irrte. Der Kurs sank innerhalb von 2 Minuten um mehr als 10 Prozent. “SL-Lawine…”, dachte er sich, “wenn sich die ganzen Leerverkäufer wieder eindecken müssen vor Börsenschluss, schließen wir im Plus”. Er war unruhig, aber nicht nervös. Er kannte diese Situation, meist hatte er jetzt gekauft. Der Kursverlauf der nächsten Stunde, schien ihm vorbestimmt zu sein. Doch die Aktie dümpelte auf dem Niveau, das sie nach den Leerverkäufen gefunden hatte. “Ich lasse mich nicht verunsichern”, dachte Boris, schließlich hatte er einen mittelfristigen Anlagehorizont und wartete weiter ab. Er war fest überzeugt, dass nur die Dummen und Zittrigen, wie Börsenweisheiten die an den Märkten Engagierten häufig klassifizierten, jetzt verkaufen würden.
Rrrrrrrrrrrrrrrrrrring. Rrrrrrrrrrrrrrrrrrring. Das untere Limit, welches Boris neu gesetzt hatte war unterschritten worden. 5% in einer Minute. Boris war nun sehr unruhig. Er wollte konsequent bleiben. Schließlich war erst 17.00 Uhr und der Rebound kommt bestimmt! “Spätestens, wenn sich die Shorties eindecken müssen, hah, und wenn jetzt sogar noch News kämen, nicht auszudenken!” Boris redete sich Mut zu. Nach einer Stunde, in der der Kurs auf niedrigem Niveau verharrte, hatte sich Boris beruhigt und entschied sich etwas zu essen.
Gesättigt und von den Kopfschmerzen befreit, kam Boris zurück. Er traute seinen Augen nicht. Der Kurs hatte nochmals leicht nachgegeben. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn. “Man muss auch konsequent sein.” Seine Gesamtposition lag mittlerweile fast 20% im Minus. Er wurde unruhig. Was war zu tun? Was war wohl richtig? Es war 18.30 Uhr, der Börsenschluss rückte näher. Boris entschied sich, sein Handeln zu kontrollieren und entwarf 2 Szenarien: Sollte sich der Kurs bis 20 Uhr noch so weit erholen, dass seine Verluste im niedrigen zweistelligen Bereich lagen, würde er halten. Sollte aber kein Rebound einsetzen, würde er verkaufen. Boris verkaufte.
Am nächsten Morgen setzte der Rebound ein. Innerhalb einer Stunde kletterte der Kurs auf Boris’ Einstiegskurs.
