Spiegelbild des Fortschritts: Die Geschichte der Börse


Fassade der Börse in Frankfurt: Die Geschichte der Börse ist rund 900 Jahre altUnter einer Börse verstehen Anleger heute einen weltweit vernetzten Umschlagplatz für Aktien, Terminkontrakte, Strom oder gar Verschmutzungsrechte. Über das Internet haben Käufer und Verkäufer aus aller Welt die Möglichkeit, ihr Geschäft zu einem fairen Marktpreis abzuschließen. Diese Transparenz macht die Börse als Handelsplatz für sämtliche fungiblen Güter interessant. Fungibilität bedeutet Ersetzbarkeit – die gehandelten Güter einer Anlagegattung sind also faktisch gleich. Bereits im Mittelalter entstanden in Europa die ersten Börsen. In der toskanischen Stadt Lucca trafen sich schon im Jahr 1111 Händler und Makler, um Waren auszutauschen und Handel zu betreiben. Die Geschichte der Börse ist also rund 900 Jahre alt.

Das toskanische Städtchen Lucca gilt als einer der frühen HandelsplätzeWahrlich hatten diese frühen Tauschbörsen noch wenig mit der heutigen Wertpapier- oder Terminbörse gemein. Doch bereits ab 1400 wurden an Umschlagplätzen in Genua und im belgischen Brügge – welche als die erste „richtige“ Börse gilt – frühe Formen von Anleihen gehandelt. Neben dem Handel von Schuldpapieren entwickelten sich die Börsen im Lauf ihrer Geschichte zu Warenterminbörsen. Der wachsende Handel mit Afrika und Asien führte dazu, dass die Börse in Antwerpen ab 1460 zu einem europaweit bekannten Umschlagplatz für Gewürze wurde. Hier trafen sich Kaufleute verschiedenster europäischer Herkunft und handelten die neuen Luxusgüter.

Einen einschneidenden Wendepunkt in der Geschichte der Börse markierte die Gründung der ersten Aktiengesellschaft im Jahre 1602. Die „Vereinigte Ostindische Handels-Kompanie“ (VOC) war ein Zusammenschluss von Kaufleuten und wurde in Amsterdam gegründet. Ziel des Zusammenschlusses war es, das Risiko des Außenhandels auf möglichst vielen Schultern zu verteilen – folglich gab die VOC zahlreiche Anteilsscheine aus und ermöglichte den freien Handel dieser Aktien.

17. Jahrhundert: Das neue Bürgertum sorgt für einen „Börsen-Boom“

Dem viel versprechenden Beispiel der niederländischen VOC folgend, gründeten sich im 17. Jahrhundert auch in anderen Ländern Europas Aktiengesellschaften: Beispielsweise die britische „East-India Company“ oder die deutsche „Handels-Compagnie auf denen Küsten von Guinea“. Aus den früheren Handelsplätzen für Gewürze oder Anleihen entwickelten sich folglich immer mehr die heutigen Wertpapierbörsen.

Der Aufstieg des Bürgertums sowie der technologische Fortschritt führte zu weiteren Gründungen von Aktiengesellschaften und zu zahlreichen Regionalbörsen: Im Jahr 1731 waren Berlin, Hamburg, Köln, Nürnberg, Frankfurt, Leipzig sowie Augsburg Handelsplätze. Lediglich die Börse in München wurde erst 1830 gegründet.

Der elektronische Handel hat den Handel auf dem Parkett weitgehend abgelöstIm Lauf der Geschichte der Börse bestimmte stets die zivilisatorische Entwicklung und der Fortschritt die Gestalt der Handelshäuser: Bezog man Luxusgüter von fernen Kontinenten, fungierten die Börsen als Umschlagplatz für Waren. Nachdem ein immer größerer Teil der Bevölkerung im Zuge der industriellen Revolution zu Wohlstand gelangt war, benötigten die neuen Bürger die Möglichkeit, ihr Kapital an Wertpapierbörsen in Aktiengesellschaften zu investieren. Der technologische Fortschritt führte auch zu einer Ausdifferenzierung der börsennotierten Gesellschaften – so traten ab dem 18. Jahrhundert Eisenbahngesellschaften ihren Siegeszug an, später folgten Automobilkonzerne und Telekommunikationsanbieter.

Auch die Gestalt der Börse selbst hat sich verändert: Der ursprüngliche Handel auf Zuruf weicht immer mehr den elektronisch gestützten Börsen. Der bis ins 20. Jahrhundert andauernde Trend der Regionalisierung der Handelsplätze hat sich im späteren Verlauf der Geschichte der Börse ins Gegenteil gewandelt: Das Internet sowie zuverlässige elektronische Handelssysteme erlauben eine Zentralisierung der Börsen. Allein die elektronische Handelsplattform Xetra verzeichnete im Jahr 2008 226 Millionen Transaktionen und ließ so die verbliebenen Regionalbörsen in Düsseldorf, Hamburg, Stuttgart oder München weit hinter sich.


März 17, 2009

Ein Gedanke zu „Spiegelbild des Fortschritts: Die Geschichte der Börse

  1. Martin Hark

    Der Artikel ist wirklich sehr interessant. Ich habe mit in jüngster Vergangenheit ebenfalls mit dieser Thematik, hierbei vor allem mit den Börsen beschäftigt. Die Börsen stellen im Hintergrund einen wichtigen Bestandteil für das Funktionieren einer Marktwirtschaft dar. Der Großteil der Geschäfte, hierbei vor allem in der Finanzwelt, welche Privatinvestoren betreffen, wird über eine Börse gehandelt. Hierbei werden Börsen in der Regel als Selbstverständlichkeit betrachtet und nur sehr wenige machen sich hierbei darüber Gedanken welche Funktionen die Börsen überhaupt erbringen. Eine Unterscheidung, hier vor allem nach den Geschäftsarten z.B. Devisen, Wertpapiere, Derivate … erhöht die Spezialisierungsmöglichkeit und gleichzeitig die Funktionserbringung. Zusammenfassend muss man festhalten, dass das Vorhandensein von Börsen den Grundbaustein einer funktionierenden Finanzwelt / Wirtschaft darstellt.

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