"Anleger sollten immer im Portfoliokontext denken": Interview mit ETF-Experte Markus Jordan


Markus Jordan gilt als ausgewiesener Anlageexperte und betreibt mit EXtra-Funds.de eines der führenden Anlegermagazine rund um ETFs. Weiterhin konnte der Buchautor bereits zahlreiche Privatanleger auf Seminaren zu ETFs aufklären. Seit 2009 verleiht EXtra-Funds.de zudem in Kooperation mit mehreren Partnern die ETF-Awards und zeichnet so die besten Produkte im noch jungen Markt für börsennotierte Indexfonds aus. Gründe genug, Markus Jordan für ein Gespräch über ETFs zu gewinnen.

Aktien-Blog: Sie betreiben mit EXtra-Funds.de ein Onlineportal über ETFs und geben darüber hinaus das monatlich erscheinende EXtra-Magazin heraus. Was hat Sie dazu bewogen, interessierten Anlegern auf dem Markt für börsennotierte Indexfonds eine Orientierungshilfe zu sein?

Markus Jordan: Der ETF-Markt ist für uns ganz klar ein Wachstumsmarkt. Wir gehen davon aus, dass gerade Privatanleger sich in den nächsten Jahren sehr stark mit Exchange Traded Funds beschäftigen werden. Mit unserem Portal und unserem Magazin möchten wir interessierten Anlegern eine einfache Orientierung bieten. Bei uns finden Anleger alles, was für eine erfolgreiche Anlage in ETFs benötigt wird. Wissen, Informationen, Kurse und Charts.

Aktien-Blog: ETFs gelten als einfache Finanzprodukte, die auf dem herkömmlichen Vertriebsweg für Finanz- und Bankberater wenig Provision abwerfen. Wieso glauben Sie dennoch an eine große Zukunft für ETFs in Deutschland?

Markus Jordan: Privatanleger legen in Deutschland das freie Kapital meist konservativ an. Sie investieren in sichere Anlagen und über einen langfristigen Zeithorizont. Genau dabei kann man die Vorteile von ETFs optimal nutzen. Durch die günstige Kostenstruktur, die leichte Handelbarkeit und das inzwischen große Angebot an Indexfonds lässt sich ganz einfach ein diversifiziertes Depot strukturieren. Informierte Anleger haben mit ETFs also Zugang zu einem großen Baukasten. Warum dann noch teure Fondsmanager bezahlen? Wer Beratung benötigt, sollte auf einen Honorarberater zurückgreifen, diese nutzen meist ETFs und werden direkt vom Anleger bezahlt.

Aktien-Blog: Glauben Sie denn, dass sich Honorarberatung bei der breiten Masse der Anleger durchsetzen kann?

Markus Jordan: In Deutschland bilden Honorarberater bisher eher die Ausnahme. Dies hat vor allem die Ursache, dass Beratung mit Provision in großem Maße als kostenlos wahrgenommen wird, wohingegen die Honorarberatung die Kosten transparent offen legt. Zustande kommt diese Einschätzung dadurch, dass nur im Falle eines Vertragsabschlusses Kosten in Form einer Provision anfallen und diese oft auch nicht ausreichend offen gelegt werden. Der Gesetzgeber verstärkt derzeit seine Bemühungen, die wahren Kosten der Provisionsberatung offenbaren zu lassen. Dadurch werden auch die „normalen“ Anleger zunehmend erkennen, dass die klassische Beratung mit Provision nicht zwangsläufig die günstigste Variante für sie ist und dem Berater durch diese Vergütungsweise erhebliche Interessenkonflikte erwachsen. Mittel- bis langfristig wird sich hierdurch auch in der breiten Masse ein großes Interesse an Honorarberatung entwickeln.

Aktien-Blog: Können Sie unseren Lesern in Kürze erklären, worauf sie beim Kauf von ETFs achten sollten?

Markus Jordan: ETFs sind zwar günstig, einfach zu handeln und flexibel einsetzbar, aber sie können sich nur so gut entwickeln, wie der zugrunde liegende Index. Fällt dieser, wird der Anleger entsprechend der Indexentwicklung Geld verlieren. Deshalb sollten Anleger immer im Portfoliokontext denken, also verschiedene Anlageklassen wie Aktien, Renten oder Rohstoffe miteinander kombinieren. Auf der technischen Seite gibt es Unterschiede bei der Umsetzung der Indexabbildung. Full-Replikation oder Abbildung via Swap sind hier die Stichworte. Beide Arten haben unterschiedliche Vorteile oder Besonderheiten. Anleger sollten sich einmal über beide Arten informieren. Aus meiner Sicht gibt es dabei kein Gut oder Schlecht. Manche Märkte sind beispielsweise ohne Nutzung eines Swaps nicht investierbar. Für alle ETFs gilt – es sind Sondervermögen und daher im Insolvenzfall des Anbieters vor dem Zugriff der Gläubiger geschützt.

Aktien-Blog: Können Sie anhand Ihrer Kriterien einige ETFs für konservative Anleger empfehlen?

Markus Jordan: Ein Klassiker und eigentlich für jeden Anleger geeignet ist ein DAX-ETF. Ansonsten muss man diese Frage wie gesagt im Portfoliokontext sehen. Da gibt es keine speziellen ETFs für konservative Anleger, die Mischung macht hier den konservativen Charakter aus. In einem solchen Portfolio werden dann Renten-ETFs stark gewichtet sein, wie beispielsweise deutsche und europäische Anleihen mit mittelfristigen Laufzeiten von rund drei bis fünf Jahren. Andere Anlageklassen wie Aktien-ETFs werden einen eher geringen Anteil aufweisen. Genau diese Anwendung möchten wir mit unseren Musterportfolien zeigen, die wir zum Jahreswechsel im Magazin und auf der Website starten werden. Dort erfahren Anleger, wie man ein konservatives, balanciertes oder ein chancenorientertes Portfolio mit ETFs aufbauen kann.

Aktien-Blog: Das klingt viel versprechend! Kommen wir doch zu chancenorientierten Anlagen: In jüngster Zeit ist immer mehr von Emerging-Markets-ETFs die Rede, deren Angebot im Vergleich zu Industriestaaten-ETFs aber noch immer sehr klein ist. Ist es in volatilen und oftmals auch wenig liquiden Schwellenländern für Anleger nicht besser, auf klassische Fonds und deren Fondsmanager zu vertrauen oder sehen Sie Emerging-Markets-ETFs bereits heute im Vorteil?

Markus Jordan: Das Problem der meisten Anleger ist es wohl eher, dass Sie gar nicht in Schwellenländer investieren, sondern wenn überhaupt eher Aktien aus Deutschland oder Europa bevorzugen. Ich würde auch hier immer einen ETF bevorzugen. Denn man dort ist man immer zu 100 Prozent im Markt investiert. Bei aktiven Fonds gibt es ja immer noch den Fondsmanager der beispielsweise gerade Aktien aus Brasilien abbaut, ich aber genau aus diesem Grund den Emerging-Market-Fonds kaufen wollte. Das Angebot an Schwellenländer-ETFs ist allerdings derzeit noch nicht besonders groß. In einzelnen Regionen wie beispielsweise in Asien kann man aber heute bereits in die meisten Länder mittels ETFs investieren.

Aktien-Blog:Kritische Stimmen sprechen bereits von einer durch ETFs ausgelösten Emerging-Market-Blase, verursacht durch das von ETFs praktizierte „Gießkannenprinzip“… Welche Schlüsse ziehen Anleger daraus? Kein Buy-and-Hold in hektischen Märkten?

Markus Jordan: Zum Thema Buy-and-Hold gibt es ganz unterschiedliche Meinungen. Die Einen sagen die Zeiten sind vorbei, Portfolien müssen aktiv überwacht werden. Dies kann dann in Form eines konsequenten Risikomanagements mittels Stop-Loss erfolgen. Die Anderen sehen Buy-and-Hold weiterhin als einzige Anlagestrategie im ETF-Bereich. Kosten werden so auf ein Minimum reduziert und ein ausgewogenes Portfolio wird langfristig jede schwierige Marktphase überstehen. Aus meiner Sicht muss sich jeder Anleger folgende Fragen selbst beantworten.

  1. Welches Risiko bin ich bereit zu tragen? Ab wann werde ich bei Verlusten unruhig?
  2. Wie aktiv möchte ich mich um meine Finanzen kümmern? Brauche ich einen Berater oder möchte ich lieber selbst investieren?
  3. Was sagt mein Bauchgefühl beziehungsweise mein gesunder Menschenverstand? Warum sollte man in einen Markt investieren, der wie Brasilien in diesem Jahr um 130 Prozent gestiegen ist? Ich würde da eher mal eine Korrektur abwarten und dann später einsteigen. Investmentchancen gibt es regelmäßig ausreichend. Man muss nicht jedem Trend hinterherlaufen.

Aktien-Blog: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Dieses Interview ist Teil einer Serie über ETFs, lesen Sie auch die anderen Artikel:

Dezember 3, 2009

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.