„Mathematik bringt den Kopf in Ordnung“


Begeisterter Trader und Buchautor mit mathematischem Ansatz: Vasily Nekrasov

Begeisterter Trader und Buchautor mit mathematischem Ansatz: Vasily Nekrasov

Vasily Nekrasov hat Finanzmathematik und Wirtschaft studiert und arbeitet als Senior Risk Analyst und Modellentwickler in Stuttgart. Der begeisterte Trader beschäftigt sich auch in seiner Freizeit mit Mathematik und Wahrscheinlichkeiten. Mit seinem Buch „Knowledge rather than hope“ will er Privatanlegern Finanzmathematik praxisorientiert und bekömmlich näher bringen.

Aktien-Blog: Sie haben mit „Knowledge rather than hope“ ein Buch veröffentlicht, das sich an Privatanleger und Studenten der Finanzmathematik richtet. Kommt man als Privatanleger ohne Kenntnisse der Mathematik nicht mehr aus?

Vasily Nekrasov: Im Prinzip sollte es auch ohne Mathematik gehen. Mir sind einige Anleger bekannt, die einfache Strategien umsetzen und angeben, damit erfolgreich zu sein. Wenn man auf eine Buy-and-Hold-Strategie setzt und nur in DAX-ETFs investiert, braucht man eher keine Mathematik. Ich selbst habe mich mit einem solchen Ansatz auseinander gesetzt und halte ihn für nicht schlecht. Mich stört daran allerdings das Risiko. Der maximale Drawdown kann auch bei DAX-ETFs sehr hoch sein. Wer riskantere Produkte einsetzen und aktiv handeln möchte, kommt um Mathematik nicht herum. Man muss seine Chancen richtig bewerten, weil man nur dann als Trader erfolgreich sein kann, wenn man, mathematisch gesagt, eine Handelsstrategie mit positiver Erwartung hat. Aber auch wenn das der Fall ist, darf man nicht zu aggressiv investieren. Zur Erinnerung: wenn die Aktie -50% gefallen ist, muss sie anschließend um 100% steigen, um den Verlust wieder auszugleichen.

Aktien-Blog: Was sind die häufigsten Denkfehler privater Anleger?

Vasily Nekrasov: Viele können zwischen Wetten und Investieren kaum unterscheiden. Ausführlich betrachte ich in meinem Buch das folgende Beispiel: Nehmen wir an, eine Aktie kann mit Wahrscheinlichkeiten von jeweils 50% entweder +170% Gewinn oder -70% Verlust machen. Die erwartete Rendite ist 0.5*(170% – 70%) = 50%, also ist die Erwartung positiv und der Trade scheint isoliert betrachtet sehr lukrativ zu sein. Wenn man diese Trades allerdings langfristig simuliert und lange Haltedauern berücksichtigt, sieht das Bild gleich anders aus: Wenn wir 1000 Euro investieren und zuerst gewinnen, haben wir €1000*(1 + 1.7) = €2700. Wenn wir danach allerdings verlieren, bleiben nur €2700*(1 – 0.7) = €810 Da die Wahrscheinlichkeit bei jeweils 50% liegt, ist es nicht unplausibel, etwa die gleiche Anzahl von Wetten mit Gewinn und Verlust zu erwarten. Dementsprechend werden wir langfristig gesehen früher oder später alles verliehen. Die mathematische Begründung lautet (2.7 * 0.3)^n -> 0 mit steigendem n. Wenn wir allerdings nicht unser gesamtes Kapital einsetzen, sondern nur 42% unseres Kapitals, können wir mit demselben Ansatz eine durchschnittliche Rendite von etwa 10% erwarten.
Mit anderen Worten: Selbst bei positiver Erwartung kann schlechtes Money Management alles kaputt machen.

Aktien-Blog: Was können Privatanleger von Spielern lernen?

Vasily Nekrasov: Privatanleger müssen die Wahrscheinlichkeiten einschätzen können und strenges Money Management betreiben. Mathematik lässt uns viele Dinge begreifen, die Privatanleger für eine „Black Box“ oder „Zufall“ halten.

Aktien-Blog: Mathematik schein Ihnen sehr am Herzen zu liegen…

Vasily Nekrasov: Der berühmte russische Wissenschaftler Mikhail Lomonosov, nach dem unter anderem eine Universität in Moskau benannt wurde, hat einmal gesagt: „Mathematik muss man allein deswegen lernen, weil sie den Kopf in Ordnung bringt.“ Lassen Sie mich erklären, was das für mein Trading bedeutet. Bevor ich handle, schätze ich zuerst das Risiko ein, unternehme eine Monte-Carlo-Simulation und viele andere Dinge. Mit der Zeit geht dieser Ansatz in Fleisch und Blut über. Inzwischen rechne ich vieles einfach im Kopf aus. Wahrscheinlichkeiten und Risiken sind meine ständigen Begleiter beim Trading.

Aktien-Blog: Was halten Sie von Backtests und wie sollten Privatanleger damit umgehen?

Vasily Nekrasov: Backtesting halte ich für unabdingbar. Leider ist Backtesting nicht für alle Privatanleger verfügbar, da sich nicht alle Handelsregeln formalisieren lassen. Und selbst wenn: Man braucht historische Kursdaten und Programmierkenntnisse, um Backtests durchzuführen. Ich rate daher Privatanlegern dazu, jede Strategie durch Papertrading zu testen. Ganz wichtig ist dabei, dass dies ausreichend lang geschieht.

Weitere Informationen auf der Webseite von Vasily Nekrasov.


November 22, 2015

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.