Währungshüter zwischen Deflation und Inflation: Warum man bei Notenbankern auf die Zwischentöne hören sollte


Die Europäische Zentralbank flutet weiter die MärkteMehr Banken als üblich haben sich an der heutigen Auktion des Langfrist-Refi-Tenders der Europäischen Zentralbank (EZB) beteiligt: 1121 Banken sicherten sich gemeinsam 442,241 Milliarden Euro – zu einem Zinssatz von nur einem Prozent. Damit setzt die EZB in ihrem Kampf gegen die Wirtschaftskrise auch weiterhin auf expansive Geldpolitik und hofft, dass die nun vergebenen Kredite von den Banken an die Unternehmen weitergegeben werden. Bundesbank-Präsident Axel Weber schloss in einem Statement gegenüber dem „Spiegel“ auch Druck auf die Kreditinstitute nicht aus: „Sollten die Maßnahmen der Notenbanken am Deleveraging der Banken scheitern, dann werden die Notenbanken die Banken umgehen müssen und die Wirtschaft direkt stützen, was ich derzeit noch nicht für nötig halte“, so der Bundesbanker. Während die EZB noch nach dem richtigen Weg zur Stützung der Wirtschaft zu suchen scheint, halten einige Beobachter in den USA bereits Zinserhöhungen für möglich.

Wie Jochen Steffens in seinem Kommentar „Bereitet die FED eine Zinserhöhung vor?“ plausibel macht, steckt die US-Notenbank in einer Zwickmühle: Während die staatlichen Kapitalspritzen derzeit ähnlich wie im Euroraum in den Bilanzlöchern der Banken versickern und die schwache Lage der Konjunktur zu einer niedrigen Geldumlaufgeschwindigkeit führt, könnte eine Aufhellung der Wirtschaftslage sowie gestiegene Eigenkapitalquoten der Banken zu einer plötzlichen Flutung der Wirtschaft mit Liquidität führen. Die daraus resultierende Inflationsgefahr könnte gerade diejenigen Investoren abschrecken, welche die USA momentan am meisten braucht: die Käufer von Staatsanleihen. Somit könnte sich die Fed bald gezwungen sehen, bereits frühzeitig den Kampf gegen die Inflation aufzunehmen.

Zweideutiges Chartbild bei Gold

Warnt Fed-Chef Ben Bernanke bald vor Inflation?Die meisten Beobachter erwarten von der heutigen Fed-Sitzung keinen Zinsschritt. Die Zinsen könnten also durchaus auf niedrigem Niveau verharren. Viel wichtiger sind daher die Ausführungen des Fed-Chefs Ben Bernanke: Wie beurteilt die Notenbank die Lage der Banken und der übrigen Wirtschaft? Der Kampf gegen die Inflation könnte also zunächst ausschließlich verbal ausgefochten werden. Von Inflation spricht derweil im Euroraum niemand: Die Industriestaatenorganisation OECD drängt die europäischen Notenbanker gar zu einer weiteren Lockerung ihrer Geldpolitik: „Der wachsende disinflationäre Druck, der für die nächsten zwei Jahre zu erwarten ist, bedeutet, dass der verbleibende Spielraum für Zinssenkungen schnell genutzt werden sollte“, so die OECD-Ökonomen.

Am Goldmarkt scheint die Inflations-Angst dagegen kurzfristig kursbestimmend zu sein: Das gelbe Edelmetall konnte seinen Preisverfall gestern bei 910 US-Dollar (USD) stoppen und kletterte heute zeitweise sogar über die 940-Dollar-Marke. Gold bestätigte so die Einschätzung der Chartanalysten von Godmode-Trader, die „das übergeordnete Chartbild“ noch immer als „bullisch“ bezeichnen. Dennoch droht bei Gold nach Ansicht vieler Experten die Gefahr eines Doppeltops bei 1000 USD und ein anschließender Preisverfall. Ausschlaggebend für die weitere Entwicklung des Goldpreises dürfte also die wirtschaftliche Lage der beiden größten Volkswirtschaften EU und USA sein, die derzeit noch mit der Deflation kämpfen. Nehmen die Währungshüter das Wort „Inflation“ in den nächsten Monaten nicht einmal in den Mund, ist vorerst keine Abkehr von der expansiven Geldpolitik zu erwarten.


Juni 24, 2009

8 Gedanken zu „Währungshüter zwischen Deflation und Inflation: Warum man bei Notenbankern auf die Zwischentöne hören sollte

  1. M. Bittrich

    Auch 1923 hatte man glaube ich achtmal gedacht „Das Schlimmste ist jetzt vorbei“…
    Und in Deutschland haben wir offensichtlich eine Gleichschaltung der Presse vor der Wahl, skandalöse Zustände. Ich jedenfalls lese nichts von Verteilungskämpfen auf offener Straße in osteuropäischen Ländern, wo die Krise mittlerweile ganz andere Dimensionen annimmt. Der Bürger kann sich schon mal auf eine MwSt von 25% einstellen…

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  2. Joerg

    Nach einer Faustformel hatten Leitzinsanhebungen bzw. senkungen eine Vorlaufzeit für die Wirtschaft von 9 Monaten, das hat sich ja dann auf ein Jahr hochgeschraubt. Wird sehr spannend werden ob da die Notenbanken rechtzeitig die Liquidität wieder absaugen können, wenn sie bei der 9 monatigen Periode schon meist etwas zu spät dran waren in der Vergangenheit.

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  4. Wolfgang Dietzinger

    Abwicklung der BRD

    Diese Neuverschuldung ist das wahrscheinlich teuerste Wahlprogramm der Geschichte der BRD für CDU und SPD. Je gewählten Politiker dieser Parteien erscheinen die überhöhten Abfindungen für Bankiere in der Finanzkrise unbedeutend und lächerlich. Wahrscheinlich unterstützen wir mit diesen 86 Milliarden jeden gewählten Bundestagsabgeordneten mit 200 Millionen Euro oder mehr allein für das Jahr 2010. In den nächsten Jahrzehnten wird jeder bundesdeutsche Bürger mit Einkommen grob das doppelte der Prokopfverschuldung als Inflation oder erhöhte Steuern verlieren, denn nur jeder zweite Bundesbürger hat nennenswerte Einkommen. Das sind nach heutigem Stand mindestens 40.000 Euro. Vor diesem Hintergrund erscheint jede Steuerdiskussion als Irrsinn.

    Deutsche Schuldenpapiere sollten keine Käufer finden, damit die Abhängigkeit Deutschlands von Fremdkapital nicht noch weiter wächst. Die Finanzen der Bundesrepublik sollte nach den gleichen Maßstäben wie ein Unternehmen mit Börsenkurs bewertet werden, um täglich die Werthaltigkeit der Bundesrepublik überblicken zu können. Noch entzieht sich die Bundesrepublik dieser Bewertung ähnlich wie ihre Vorgängerstaaten im 20 Jahrhundert. Wir sollten die Geschichte nicht so bald wiederholen. Aus Sicht der Wirtschaft ist die Bundesrepublik ein altes Unternehmen mit überalterter Belegschaft, das seine besten Jahre hinter sich hat und langsam herunterkommt, bis es zerschlagen wird. Wahrscheinlich müssen sich unsere Kinder und deren Nachkommen mit dieser Aussicht vertraut machen.

    Noch ein paar Rekordverschuldungen und wir können mit Italien , Griechenland, Ungarn und anderen bankrotten Staaten der EU einen Versteigerungskatalog für Europa erstellen. Wer will uns kaufen?

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  5. M. Bittrich

    „bis es zerschlagen wird. Wahrscheinlich müssen sich unsere Kinder und deren Nachkommen mit dieser Aussicht vertraut mache“
    Ein Staat kann nicht wirklich bankrott gehen, da die Ländereien, Wälder etc etc einen enormen Wert hätten. Aber bekanntlich beruht alles auf einer stetigen leichten Inflation und es ist nur eine Frage unseres Stillhaltens, der Währung mit ihren wertlosen Münzen und Papierchen einen Wert zuzugestehen. Wenn wir alle mal kollektiv die Schnauze voll haben würden, wäre jede europäische Regierung innerhalb einer Woche verschwunden. Sie, Herr Dietzinger, beschreiben genau dies, aber eben den Zeitlupenverlauf. Die DM-Mark hat viele Jahrzehnte gebraucht, um über 80% ihres Werts zu verlieren, der Euro wird keine 20 Jahre brauchen. Dieser Niedergang spielt außerdem gewissen europäischen Strömungen gezielt in die Hände (und ich meine NICHT die noch vertretbaren Konstrukte wie China, wo man sieht: Marktwirtschaft funktioniert auch mit Autokratie.)
    Die Demokratie ist noch sehr jung in Europa – und bei der Wahlbeteiligung in Deutschland und anderswo imho gar nicht mehr legitimiert! So ist auch die DDR zu Grunde gegangen: an mangelnder Legitimation ihres Systems. Und erinnern wir uns: Noch Anfang des 20. Jahrhunderts kannten die Menschen in Deutschland keine Demokratie und wollten unbedingt ihren Kaiser behalten. Also wo steht, dass die Demokratie einen Daueranspruch hat? Es kann noch heiter werden…

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  6. Daniel

    Die EZB und die Notenbanken können leider auch nicht alles fixen….
    Ich befürchte, dass wir nochmal neue Tiefsstände sehen könnten.

    Aus meiner Sicht deutet aufgrund der charttechnischen Situation vieles auf das Testen der alten Tiefststände hin. Die Parallelen der jetzigen Kursentwicklung zum Crash vom Jahr 2003 sind so hoch, dass an dieser Stelle erneut darauf hingewiesen muss.

    Parallelen zum Crash vom Jahr 2003:

    – Beide Bärenmarktrallyes dauerten einen Monat an.

    – Beide scheiterten an der 200-Tage-Linie sowie an der oberen, abwärtsgerichteten Trendkanallinie.

    – Beide endeten mit einer möglichen SKS-Trendwendeformation.

    Gut zu verfolgen, auf dem Chartbild: http://tr.im/q8rh

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  7. Pingback: Aktien-Blog » Ihre Meinung ist gefragt: Teuerungsrate in zwölf Monaten - Deflation oder Inflation?

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