Welche Wege führen aus der Krise? Interview mit Joachim Brunner


Buchautor, Börsenbriefschreiber und Chef einer Nachrichtenagentur: Joachim BrunnerJoachim Brunner ist Chefredakteur des Börsenbriefs Smallcap-Investor und hat im vergangenen Jahr das Buch „Finanzkrise 2008 – Wie es dazu kam und mit welchen Folgen wir rechnen müssen!“ veröffentlicht. Darin analysiert Brunner die derzeitige Situation der Weltwirtschaft und wagt darüber hinaus einen Ausblick in die Zukunft. Neben seiner publizistischen Tätigkeit ist Brunner außerdem Chef der Nachrichtenagentur IRW-Press.

Aktien-Blog: Sie haben Ende des vergangenen Jahres ein Buch über die Finanzkrise veröffentlicht und dabei fünf mögliche Zukunftsszenarien vorgestellt. Wie sehen Sie die Krise Monate nach Veröffentlichung Ihres Buches? Sind Sie durch die zahlreichen staatlichen Rettungspakete und den G20-Gipfel optimistischer oder pessimistischer geworden?

Brunner: Weder das Eine noch das Andere. Es entwickelt sich eigentlich so, wie ich erwartet habe. Die Verschuldungsproblematik wird natürlich durch die ganzen Hilfs- und Rettungsmaßnahmen noch verschlimmert, doch das war eigentlich nur eine natürliche Reaktion, die man von den Politikern erwarten musste und daher hat es auch bei meinen Szenarien keine wirkliche Änderung gegeben, nur die Eintrittswahrscheinlichkeiten haben sich verändert. Ich bin auch deshalb nicht optimistischer oder pessimistischer geworden, denn was wir jetzt sehen, liegt in der Natur unseres Wirtschaftssystems, welches eben nach 50 bis 70 Jahren zusammenbrechen muss.

Aktien-Blog: Könnten Sie Ihre Szenarien für Leser, die Ihr Buch nicht kennen, kurz skizzieren?

Brunner: Ich möchte hier nur ganz kurz auf die Szenarien eingehen, sonst würde es den Rahmen des Interviews zu stark sprengen. Allerdings habe ich hier die Eintrittswahrscheinlichkeiten meiner derzeitigen Einschätzung angepasst.

1. Szenario: Alles wird gut und nichts ist passiert! – Wahrscheinlichkeit 5 % – im Buch ging ich noch von 10 % Wahrscheinlichkeit aus.

2. Szenario: Es kracht, aber wir schaffen das! – Wahrscheinlichkeit 15 % – vorher 25 %.

3. Szenario: Der Fastzusammenbruch des ganzen Finanzsystems bringt die Wirtschaft an den Abgrund! – Wahrscheinlichkeit 50 % nach 45 %. Dieses Szenario beschreibt, dass wir uns derzeit in einem deflationären Umfeld befinden, dass wir jedoch Ende 2009 einen Konjunkturaufschwung sehen werden, der einhergeht mit einer massiven Inflation in der Größenordnung von 20 % oder mehr. Nach zwei bis drei Jahren sollte jedoch auch dieser „Spuk“ vorbei sein und sich alles wieder normalisieren. Die Schulden werden wieder in einem normalen Verhältnis zum Steueraufkommen sein.

4. Szenario: Totaler Kollaps des Systems! – Wahrscheinlichkeit 15 % vorher 10 % – In diesem Szenario spreche ich von einem Staatsbankrott beziehungsweise einer Währungsreform. Die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario hat für mich zugenommen, ist jedoch aufgrund der politischen Durchführbarkeit trotzdem unwahrscheinlich, wobei es allerdings der sauberste Schnitt wäre.

5. Szenario: Gar keines der oben genannten Szenarien trifft ein! – Wahrscheinlichkeit 10 % Darunter verstehe ich, dass so unerwartete Dinge wie zum Beispiel ein kollektiver Staatsbankrott der meisten westlichen Länder inklusive Währungsreform passieren können.

Aktien-Blog: Müssen wir auf das von Ihnen angekündigte goldene Zeitalter zwischen 2012 und 2020 verzichten oder sehen Sie doch noch einen Ausweg aus dem Teufelskreis um Staatsverschuldung und Inflation?

Brunner: Das hoffe ich nicht. Ich sehe auch den Teufelskreis nicht, den Sie sehen. Inflation ist ein Ausweg und zudem auch noch der wahrscheinlichste, um die Schulden wieder in ein vernünftiges Verhältnis zu den Staatseinnahmen zu bringen. Jedoch benötigen wir dazu nicht eine Inflation von ein paar Prozentpunkten wie früher, sondern von offiziellen 10 bis 20 %, was wohl einer gefühlten Inflation von 20 bis 30 % entspricht. Aber bevor diese Inflation kommt, müssen wir zuerst einmal die Deflation überwinden und einen Konjunkturaufschwung sehen. Die Notenbanken der Welt unternehmen gerade alles, um diese Deflation bald zu überwinden.

Aktien-Blog: Sind die Ängste, die insbesondere in Deutschland mit dem Begriff der Inflation verbunden sind, also unbegründet? Zwar ist die Inflation für Staaten und deren Haushalte sicher ein Ausweg, aber was sagen Sie Menschen, die sich davor fürchten, dass ihr Monatsgehalt binnen weniger Tage die Hälfte seiner Kaufkraft verliert? Dass eine Inflation zwischen zehn und zwanzig Prozent zu galoppieren beginnen kann und ins Unermessliche steigt, halten anerkannte Wirtschaftswissenschaftler für sehr wahrscheinlich.

Brunner: Genau das ist die Schwierigkeit an diesem Szenario oder Ausweg. Wie stelle ich am Ende wieder das Vertrauen in die Währung her beziehungsweise wie halte ich die Inflation unter Kontrolle, so dass sie nicht hyperinflationär wird? Darauf kann auch ich jetzt keine Antwort geben, aber die Notenbanken werden hier gefragt sein, denn die müssen rechtzeitig die Zinsen massiv erhöhen und wenn ich massiv sage, dann meine ich damit mindestens zweistellig. Dadurch würde zwar eine Rezession ausgelöst, aber gleichzeitig die Inflation wieder unter Kontrolle gebracht werden. Das wird allerdings erst dann passieren, wenn die Inflation genügend gewütet hat.

Aktien-Blog: Welche Anlagen können Sie langfristig empfehlen und wie glauben Sie, von den erwarteten Verwerfungen an den Weltmärkten profitieren zu können?

Brunner: Alle Sachwerte können empfohlen werden. Wir müssen jetzt beginnen, unser Geldvermögen, das impliziert auch Anleihen und vor allem Staatsanleihen, in Sachwerte umzuschichten. Das heißt neben Gold und Silber sollte auch in die eigene Wohnimmobilie, Aktien und so weiter investiert werden.

Aktien-Blog: Lassen Sie uns konkreter werden: Was würden Sie einem 35-jährigen Besitzer einer Eigentumswohnung empfehlen, der 100.000 Euro investieren möchte. Wie würden Sie die 100.000 Euro streuen?

Brunner: Hier muss zuerst noch geklärt werden, ob der Besitzer Schulden hat. Alleine um der „finanziellen Freiheit“ wegen würde ich einen Teil des Geldes zur Tilgung der Schulden verwenden. Aber nehmen wir einmal an, es gibt keine Schulden mehr, dann würde ich 10 bis 15 Prozent in physisches Gold und Silber anlegen, 25 % in Standardwerte vom Typus wie Siemens oder BASF, 25 % in Rohstoffwerte mit Schwerpunkt auf Öl-, Gold- und Silberproduzenten, 25 % in Unternehmensanleihen (jedoch muss man diese in den nächsten 9 bis 15 Monate in Aktien umschichten), bis zu 10 % in Cash und für 1 bis 2 % würde ich beginnen, langlebige Lebensmittel zu kaufen.

Aktien-Blog: Im Gegensatz zu anderen Experten, die ebenfalls vor einer Verschlimmerung der Krise warnen, setzen Sie auch weiterhin auf Unternehmensanteile und erwarten einen Anstieg der Aktienmärkte. Wie passt diese Haltung zur Sorge vor einem Zusammenbrechen der Weltwirtschaft? Zwar wird auch der Preis von Aktien inflationiert, andererseits leidet doch die Geschäftstätigkeit unter wegbrechenden Absatzmärkten. Wer soll die Produkte kaufen, wenn das Geld ständig entwertet wird?

Brunner: Das ist ja das Schöne an einer Inflation. Das Geld, das verdient wird, wird sofort wieder ausgegeben und zwar werden Lebensmittel oder Güter des täglichen Lebens gekauft, aber auch die Infrastruktur wird durch die höheren Staatsausgaben profitieren. Genau solche Unternehmen müssen bevorzugt gekauft werden. Die Krise 1920 bis 1923 hat gezeigt, dass Aktien fast die gleiche Performance gezeigt haben wie Gold und Silber. Aktien vor allem aus den Bereichen Rohstoffe und Industrie waren die großen Profiteure. Es ist sogar möglich, dass wir eine zwischenzeitliche Hochkonjunktur von ein paar Monaten bekommen und zwar dann, wenn die Konsumenten feststellen, dass die Inflation kommt. Dann versucht jeder sein Erspartes in Sachwerte wie Autos, Immobilien, Aktien, Lebensmittel, Fernseher et cetera umzuschichten. Diesen Boom nennt man einen „Crack up Boom“.

Aktien-Blog: Über den „Crack up Boom“ schrieb schon Ludwig von Mises, ein Nationalökonom des 20. Jahrhunderts, der die in letzter Zeit wieder populär werdende „Österreichische Schule“ der Volkswirtschaftslehre um eine Theorie der Konjunkturzyklen erweitert hat. Dabei betont Mises die Rolle verfehlter Geldpolitik und macht diese für die Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre verantwortlich. Auch Sie beziehen sich in Ihrem Buch auf Mises. Welche Lehren könnten Ihrer Meinung nach aus den Erkenntnissen Mises‘ gezogen werden? Müssen wir uns damit abfinden, dass die Weltwirtschaft alle 70 bis 80 Jahre zusammenbricht? Ein „Crack up Boom“ kann doch in Zeiten des Niedergangs nur ein schwacher Trost sein, oder?

Brunner: Leider ja! Sowohl auf den „Crack up Boom“ als auch auf den Zusammenbruch bezogen. Solange wir nichts an unserem Papiergeldsystem ändern, wird es immer wieder diese Zusammenbrüche geben. Das liegt einfach in der Natur der Menschen und des Systems. Das fängt schon damit an, dass kein Politiker eine Wahl gewinnt, in dem er sagt: Wir sparen jetzt einmal die nächsten fünf bis zehn Jahre, damit wir unser System wieder bereinigen. Es gewinnt immer der, der am meisten beziehungsweise am realistischsten etwas verspricht. Unsere einzige Chance, aus diesem Teufelskreislauf herauszukommen, ist, dass wir ein Geldsystem schaffen, das nicht unbegrenzt beziehungsweise ungedeckt expandieren kann. Solange das nämlich möglich ist, wird immer jemand kommen und an der Geldschraube drehen und verursacht früher oder später wieder einen Zusammenbruch des System, meistens nach 50 bis 70 Jahren, da die dann lebende Generation sich nicht mehr an das alte Desaster erinnern kann und denkt, dass das jetzt nicht mehr passieren kann.

Aktien-Blog: Glauben Sie daran, dass bedeutende Währungen wie der US-Dollar oder der Euro zum Goldstandard zurückzukehren, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen und wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein?

Brunner: Ich glaube eigentlich nicht, dass wir zum Goldstandard zurückkehren, dadurch würden sich ja die Politiker ihren Spielraum bei der Verschuldung und daher auch bei Wahlzuckerln nehmen. Das System können aber nur Politiker ändern. Die Wahrscheinlichkeit sehe ich bei 15 %.

Aktien-Blog: Vielen Dank für das Gespräch!


Aktien-Info

BASF SE
WKN: 515100
ISIN: DE0005151005
SIEMENS AG
WKN: 723610
ISIN: DE0007236101
Herkunft: Deutschland
Branche: Elektrotechnologie
Nachrichten:  SIEMENS AG

Die Aktien-Informationen und Marktdaten stammen von finanznachrichten.de.
April 16, 2009

Ein Gedanke zu „Welche Wege führen aus der Krise? Interview mit Joachim Brunner

  1. MGS

    schönes Interview. Wusste gar nicht dass es auch Leute gibt die zwar mit einer Inflation rechnen aber nicht mit einer Währungsreform wie die vielen Crashpropheten. Die Argumentation in der letzten Antwort finde ich sehr logisch.

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