Hervorragende Aussichten? Aktien-Promotion am Beispiel von County Line Energy

Das Problem wird vielen Lesern hinreichend bekannt sein: Kaum hat man im Internet gute Informationsquellen zum Thema Börse gefunden und teilt den Betreibern seine eMail-Adresse mit, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Postfach zukünftig auch mit unangeforderten “Top-Tipps”, “Spezialreporten” oder “Hammer-Stories” überflutet wird. Mir als Blogger ist dies jedoch nicht unrecht – so stoße ich immer wieder auf interessante, spektakuläre oder auch denkwürdige Geschichten, anhand derer sich die Gepflogenheiten professioneller “Aktien-Promoter” verdeutlichen lassen. Eine dieser Geschichten handelt von County Line Energy. Das Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, Öl aus Ölsand und so genanntem schweren Öl zu gewinnen. County Line ist dabei in der kanadischen Provinz Alberta tätig – ein Gebiet in dem größere Ölvorkommen vermutet werden, als in weiten Teilen des Nahen Ostens. Das einzige Problem: Schätzungen gehen davon aus, dass rund achzig Prozent der in Alberta vorhandenen Ölvorkommen mit heutigen Methoden nicht zu fördern sind – in den kostenlosen eMail-Empfehlungen ist hiervon wahrlich nicht die Rede. Hinzu kommt, dass die Gewinnung von Öl aus Ölsand unter ökologischen Gesichtspunkten höchst umstritten ist. Eine Förderung würde riesige Tagebaugebiete und große Gefahren für Natur und Grundwasser bedeuten – Begleitumstände, die in einem fortschrittlichen Land wie Kanada nicht bedingungslos akzeptiert werden.
Dennoch investieren auch Ölmultis in Alberta: British Petroleum (BP) möchte sogar eine Schweröl-Raffinerie bauen – immerhin drei Milliarden Dollar werden hier investiert. Auch an den Aktienmärkten konnten in Alberta tätige Unternehmen bereits große Erfolge erzielen: Suncor oder UTS Energy, deren Kurse vor Jahren um mehrere tausend Prozent zulegen konnten, werden in “Gratisanalysen” immer wieder als Beleg herangezogen, wieso auch die Geschichte um County Line Energy erfolgsversprechend sein soll. Es muss jedoch die Frage erlaubt sein, wieso derart erfolgreiche Unternehmen aus dem Rohstoff-Sektor das gesamte Alberta-Gebiet nicht bereits vor Jahren erschlossen haben? Sind einige Gebiete möglicherweise nicht aussichtsreich? Auch auf diese Frage haben die Schreiber kostenloser Massen-eMails eine Antwort: Durch gute Kontakte zu in dieser Gegend ansässigen Stämmen und Landbesitzern, habe County Line Energy die einmalige Chance, eine aussichtsreiche Liegenschaft inmitten der Ölfördergebiete zu akquirieren. Die Ureinwohner haben also scheinbar Jahre darauf gewartet, ihre Heimat an die “Freunde” von County Line Energy verkaufen zu können. Dieses Szenario ist zwar nicht unmöglich, erscheint aber dennoch recht unwahrscheinlich. Neben dem herausragenden Verhältnis des Unternehmens zu Ureinwohnern verfügt County Line Energy laut Informationen kostenloser Börsenbriefe auch noch über ein exzellentes Management: So sollen die Mitglieder des Vorstands bei County Line Energy allesamt bereits äußert erfolgreich bei Unternehmen aus dem Rohstoffbereich tätig gewesen sein. Selbstverständlich gehört in ein chancenreiches Unternehmen auch ein gutes Management. Allerdings können auch gute Manager einmal Mißerfolge verzeichnen: In den vergangenen zwei Jahren wimmelte es bei Rohstoff-Explorern geradezu von “alten Hasen”, “Gurus” oder “Star-Geologen” – dennoch war nicht jede dieser Aktien ein Selbstläufer.

Kostenlose Empfehlungen vormals unbekannter Unternehmen sollten stets kritisch hinterfragt werden. Selbstverständlich müssen kostenlose Angebote nicht schlechter sein als kostenpflichtige, dennoch ist es üblich, dass hinter ständigen unangeforderten Einzelempfehlungen Agenturen für Investor Relations stehen, die von den jeweiligen Unternehmen bezahlt werden. Die Auswüchse dieser Praxis reichen von harmlosen Einzelempfehlungen bekannter Bankhäuser, die nicht per eMail verteilt werden und in denen auf die Auftragsarbeit hingewiesen wird, bis hin zu massenhaft versendeten eMails in denen auch einmal Fakten – im Sinne einer positiven Kursentwicklung? – vergessen zu werden scheinen. Privatanleger sollten nach dem Lesen dieser Empfehlungen ihrer Gier widerstehen und Abstand zum soeben Gelesenen gewinnen. Erscheint die “heiße Story” noch nach Stunden plausibel, sollten weitere Recherchen den Weg zu einem spekulativen Investment ebnen. Eines jedoch ist sicher: So spektakulär wie die Unternehmen in kostenlosen Börsenbriefen dargestellt werden, ist die Geschichte meist nicht. Daher ist auch von den oftmals sehr hoch gegriffenen Kurszielen der Börsenbriefe Abstand zu nehmen. Im Falle eines Investments sollte die Aktie deutlich früher verkauft werden. Der konkrete Fall zeigt ebenfalls, wie wichtig eigene Recherchen sind: Trotz ständiger Werbung hat die Aktie von County Line Energy seit der ersten Empfehlung fast nur verloren.

7 Gedanken zu „Hervorragende Aussichten? Aktien-Promotion am Beispiel von County Line Energy

  1. grandioso

    nett geschrieben! ich finde es gut dass sie nicht pauschal von dieen aktien abraten sondern dazu raten das geschreibsel nicht zu ernst zu nehmen und vorsichtig zu sein. das gefällt mir gut. ich bin mal gespannt was aus der aktie noch wird vielleicht kommt ja noch eine meldung. das timing der pusher ist aber richtig schlecht. 1 monat lang empfehlen und dann passiert nix? wo gibts denn sowas?

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  2. Nico Popp Beitragsautor

    Hallo grandioso!

    Danke für das Feedback. Das Timing ist zwar nicht optimal, aber auch nicht wirklich schlecht. Immerhin gab es zwei Meldungen seit Ende September. Die letzte Meldung bezieht sich eigentlich ausschließlich auf die Pläne von BP, eine Raffinerie bauen zu wollen. Diese News wird dazu umgemünzt um für die eigene Gesellschaft zu werben. Natürlich ist das Investment von BP keine schlechte Nachricht für County Line Energy, allerdings neigen promotete Unternehmen häufiger dazu, krampfhaft Newsflow zu generieren. Ob man in diesem Fall eine Meldung herausgeben muss, darf bezweifelt werden.

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  6. topshot

    Empfehlungen sind ja gut und recht aber dass ich in den letzten 3 Tagen die identische Empfehlung für County Line Energy 46 (!) mal als SPAM erhalte ist eine Frechheit (selbstverständlich verwende ich einen SPAM Filter, trotzdem kommen die Meldungen durch). Unnötig zu sagen dass die Absender immer “anonym” sind.

    Solche Firmen müssen in die Verantwortung gezogen werden können, sonst wird E-Mail in Bälde ad absurbum geführt.

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  7. stoploss

    Noch ärgerlicher ist, wenn man Anlageentscheidungen nach Lesen eines abonnierten und bezahlten (!) Börsenbrief fällt, der immer wieder einzelne Titel anpreist, angeblich vor Ort recherchiert hat, bei einzelnen Titeln sogar ein Stop Loss von “0” setzt, wie bei County Line geschehen, und dann folgendes passiert.

    Binnen weniger Tage wird bei der monatelang hochgepriesenen Aktie klammheimlich, ohne Hinweis, Erklärung oder Begründung, ein Stop Loss dicht unterhalb des aktuellen Wertes gesetzt, unter den die Aktie binnen einer Woche fällt und verkauft wird.

    Von ” Top-Empfehlung mit stop loss 0″ zu “Verkauf wegen Unterschreitung des Loss-limit” in einer guten Woche – ohne ein einziges Wort zur Erläuterung ???

    So geschehen bei Swiss Trading und leider kein Einzelfall bei diesem sogenannten Börsenbrief.

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