Technische Indikatoren für stürmische Börsen-Zeiten: Verwendung der Volatilität zur aktiven Risikokontrolle

Die Volatilität ist ein wichtiger, aber oft vernachlässigter Indikator. Dabei stützen sich viele Trader – wenn auch teilweise unbewusst – bei ihren Handelsentscheidungen auf die Volatilität, beispielsweise wenn sie Bollinger Bänder verwenden. Wie man die Volatilität nutzen kann, um das Risiko beim Trading der momentanen Marktlage anzupassen, möchte ich im folgenden Artikel zeigen.

Die Volatilität beschreibt, wie stark sich die Kurse im Markt bewegen. Hierzu gibt es verschiedene Erhebungsmöglichkeiten. Zunächst unterscheidet man zwischen historischer und implizierter Volatilität. Die historische Volatilität beschreibt, wie stark sich die Kurse in der vergangenen Zeit bewegt haben, dagegen beschreibt die implizierte Volatilität, welche Beweglichkeit aktuell im Markt erwartet wird. Die implizite Volatilität ist also eine Art “Risikoaufschlag”, den man beim Kauf einer Option oder eines Optionsscheins bezahlen muss. Dies ist davon abhängig, wie viel Risiko der Herausgeber der Option aus seiner Sicht eingeht. In diesem Artikel möchte ich allerdings auf die historische Volatilität eingehen und erklären, welchen Einfluss die Volatilität auf das erfolgreiche Trading hat und wie man den Indikator anwenden sollte, um das Risiko beim Trading konstant zu halten.

Emittlung der Volatilität

Visuelle Ermittlung

Die Volatilität lässt sich auch visuell ermittelnBetrachtet man einen Candle-Stick-Chart oder einen Bar-Chart, erkennt man schnell, dass es Phasen mit großen und kleinen Kerzen gibt. Häufen sich die großen Kerzen, existiert eine höhere Volatilität, häufen sich die kleinen Kerzen, handelt es sich um einen Markt mit niedriger Schwankungsbreite. Der rechts abgebildete Chart zeigt eindeutig, dass die Volatilität eines Marktes nicht einheitlich ist.

Zudem erkennt man, dass eine hohe Volatilität häufig mit fallenden Kursen einher geht. Selbstverständlich ist es recht schwierig, über einen längeren Zeitraum die Entwicklung Volatilität zu verfolgen. Daher gibt es eine Reihe von Indikatoren, die dem Trader helfen, die aktuelle Volatilität zu ermitteln und Vergleiche mit der Vergangenheit herzustellen.

Ermittlung mittels Indikatoren

Verwendung von Volatilitäts-IndikatorenIm kostenlosen Tool ProRealtime findet man eine Reihe von Indikatoren, die für die Ermittlung der Volatilität verwendet werden können.

Ein häufig verwendeter Ansatz ist hierbei, die Verwendung der so genannten Standardabweichung. Hierbei wird der durchschnittliche Abstand der einzelnen Kurse vom Mittelwert ermittelt. Umso höher die Standardabweichung ist, um so mehr schwankte der Kurs im vergangenen Kursverlauf. Das bekannteste Einsatzgebiet für die Standardabweichung sind die so genannten Bollinger Bänder, die sich um die Kurse legen und nur selten über- oder unterschritten werden.

Die Average True Range (ATR) wurde von Welles Wilder entwickelt, um die Volatilität der Kurse zu ermitteln. Hierzu verwendet er die Spanne, die der Kurs im Laufe eines Tages entwickelt hat. Damit die Kursentwicklung außerhalb der Handelszeit auch berücksichtigt wird, schließt die Berechnung der True Range für einen Tag auch den Schlusskurs des Vortages mit ein, so dass auch Gaps in die Berechnung mit aufgenommen werden. Ähnlich, wie für den Bollinger Channel, kann man auch mit Hilfe des ATR einen Kanal für die Kurse erzeugen.

Der Standardfehler ist eine andere mathematische Ermittlungsmethode, die verwendet wird, um die Qualität des Mittelwertes zu ermitteln. Deswegen eignet sich dieser auch zur Ermittlung der Volatilität, auch wenn darüber wenig zu lesen ist. Andersson hat 1996 die Idee von Standard-Fehler-Bändern aufgebracht, diesen wurde aber wenig Aufmerksamkeit zuteil. Auch die Chaikins Volatilität ist ein Indikator, der beschreibt, in welche Richtung sich die die Volatilität verändert hat.

Neben diesen Indikatoren existieren eine Reihe von weiteren Indikatoren, sodass man freie Auswahl hat. Am häufigsten werden die Standardabweichungen (über Bollinger Bänder) und die Average True Range (ATR) in Handelssystemen verwendet und daher sollte man sich mit diesen auf jeden Fall beschäftigen. Selbstverständlich sind es auch die anderen Indikatoren wert, gegebenenfalls als Alternative in Handelssystemen getestet zu werden. In diesem Text werde ich mich aber auf Standardabweichung und ATR beschränken.

Bedeutung der Volatilität für das Trading

Die Volatilität beschreibt, wie stark sich die Kurse bewegen und kann hervorragend zur Risikokontrolle eingesetzt werden. Zudem beschreibt die Volatilität die Nervosität des Marktes: Je nervöser die Märkte sind, um so stärker schwanken die Kurse. Eine steigende Volatilität tritt häufig dann auf, wenn die Kurse einbrechen und eignet sich daher auch zur Trendermittlung. Eine steigende Volatilität zeigt also fallende Kurse an und eine fallende Volatilität steigende Kurse. Emotional geht eine hohe Volatilität mit Panik (wie aktuell im Oktober 2008) oder auch Euphorie (wie Anfang 2000) einher und hat daher oft Auswirkung auf die eigene Psychologie. In Phasen hoher Volatilität ist viel über die Aktienmärkte in den Medien zu finden, während sich in Phasen ruhigerer Kursbewegungen weniger über die Situation der Märkte in den Massenmedien finden lässt.

Volatilität als Einstiegssignal

Volatilitätsausbruch aus Bollinger-BändernDie Volatilität kann auf verschiedene Arten als Einstiegssignal verwendet werden. Steigende Volatilität kann als Trendbestätigungssignal verwendet werden, während eine fallende Volatilität eher auf eine Trendwende hinweist. In einem Handelssystem kann dies nach meiner Meinung nur diskretionär eingesetzt werden, daher möchte ich mich in diesem Artikel auf die zweite Art konzentrieren: den “Volatilitäts-Ausbruch”. Eine einfache Methode, um einen “Volatilitäts-Ausbruch” zu handeln ist es, einen Wert zu kaufen, beziehungsweise zu erkaufen, der aus dem Bollinger-Band (Standardabweichung) ausbricht. Hierbei geht man davon aus, dass unerwartet gute oder schlechte Informationen im Markt sind, sodass es zu einem überdurchschnittlichen Ausbruch kommt. Dieser Ansatz funktioniert nur in einem Trendmarkt gut und führt in einem Seitwärtsmarkt häufig zu Fehlsignalen und kann daher auch für genau den gegenteiligen Einsteig verwendet werden, nämlich wenn der Volatilitätsausbruch scheitert.

Bestimmung einer Trendwende mittels Bollinger-BändernIn einem Seitwärtsmarkt, können die Bolinger-Bänder als Trendwende-Indikator verwendet werden. In diesem Fall wird gekauft, wenn sich die Kurse im unteren Bereich befinden und verkauft, wenn sich diese im oberen Kursbereich verwenden. Hiermit möchte ich verdeutlichen, dass diese Methoden ohne gültige Trendbestimmung zu keinem Erfolg führen können, sondern mit anderen Daten kombiniert werden müssen und zudem auch von der jeweils gewählten Strategie abhängig sind, beispielsweise über einen Monatschart, aus dem beispielsweise ersichtlich wird, dass im Jahr 2000 der Markt aus den Bändern ausbricht, während sich die Kurse im Jahr 2004 immer innerhalb der Bänder bewegt haben.

Volatilität als Setupfilter

Kaufman-Effizienz-Ratio Perry Kaufmann schlägt in seinen Buch “Smart Trading” einen Setup-Filter auf Basis der Volatilität vor. Mit seinem “Effizienz Ratio” wird versucht, die aktuelle Bewegung im Verhältnis zur Volatilität zu setzen, um zu ermitteln, ob diese tatsächlich eine Trendbewegung ist oder ob es sich nur um eine gewöhnliche Schwankung handelt. Erst wenn das Effizienz Ratio einen bestimmten Wert, beispielsweise 0,6, überschreitet, wird von einem tatsächlichen Trendsignal ausgegangen und es wird ermöglicht – falls ein weiteres Entry-Signal vorliegt – eine Position in die aktuelle Kursrichtung zu eröffnen. Hierdurch wird verhindert, dass ein Rauschen fälschlicherweise zu einer Positionseröffnung führt. Basis dieses Ansatzes ist der Kaufman Moving Average “KAMA”, der versucht, nur Trendbewegungen in einem gleitenden Durchschnitt aufzunehmen.

Volatilität als Ausstiegssignal

Risikokontrolle mit dem ATR Trailing StopDie wichtigste Bedeutung hat die Volatilität nach meiner Einschätzung jedoch als Ausstiegssignalgeber. Häufig wird ein Trailingstop beim Traden benutzt, um diesen als Exit zu definieren. Hierbei wird oft vorgeschlagen, einen starren Prozentsatz zu verwenden, beispielsweise 10 oder 20 Prozent. In Zeiten hoher Volatilität (wie Oktober 2008), macht das augenscheinlich wenig Sinn, da die Werte eine Veränderung von 10 bis 20 Prozent innerhalb weniger Tage erfahren und man mit einer starren Regelung oft ungünstig ausgestoppt werden kann. Eine bessere Lösung ist es, die Volatilität als entscheidenden Faktor mit aufzunehmen, damit aktuelles Marktrauschen nicht zu fehlerhaften Ausstiegen führt. Im gezeigten Chart, wird auf Basis ATR multipliziert mit 7 als Ausstieg als einzige Bedingung verwendet. Hierbei ist eindeutig zu sehen, dass dieser Ansatz fehlerhafte Ausstiege erfolgreich verhindern kann. In diesem Beispiel wird nach Auslösen des Stops die Position einfach umgedreht. Es ist nicht sehr überraschend, dass diese Verfahrensweise sehr flexibel in allen Märkten funktioniert: Egal ob Währungen, Bonds oder Aktien. In einem hektischen Markt sorgt die Verwendung eines Trailing-Stop auf Basis der Volatilität für ein ruhigeres Handeln, da man nicht fürchten muss, dass man “versehentlich” ausgestoppt wird.

Volatilität zur Bestimmung der Positionsgröße

In Zeiten hoher Volatilität gibt es tagtäglich schnelle und große Wertveränderungen und als Trader hat man daher begründete Angst, schneller als gewohnt Geld zu verlieren. Hat man in ruhigen Phasen Kursveränderungen mit einem Prozent gehabt, konnte man noch relativ gut schlafen. In hektischen Phasen hat man die Befürchtung, zehn Prozent zu verlieren. Verwendet man dann noch spekulative Produkte mit einem Hebel von zehn oder höher, sind das in ruhigen Phasen zehn Prozent Marktrisiko, in hektischen Phasen aber gleich einhundert Prozent. Selbstverständlich kann dies auch zu Rekordgewinnen führen, allerdings sollte das Risiko beim Trading konstant gehalten werden. Nur weil man eine Rekord-Bärenmarkt-Rallye erwartet, sollte man nicht gierig mit einem höheren Risiko in den Markt gehen. Aus diesem Grund ist es eine logische Konsequenz, dass man anhand der Volatilität auch seine Positionsgrößen bestimmen sollte.

Nach klassischem Risikomanagement wird pro Position nur ein Prozent des Kapitals eingesetzt. Das Risiko ist, dass man nach dem Eröffnen ausgestoppt wird, da der Kurs in die falsche Richtung läuft. Das maximale Risiko besteht also im Abstand des Stops zum Kaufpreis. Da ich es persönlich vorziehe, den Stop aufgrund der aktuellen Volatilität zu platzieren, veringert sich dadurch automatisch auch die Positionsgröße. Somit hilft der volatilitätsgesteuerte Stop, dass man als Trader stets ein gleichmäßiges Risiko eingeht und sich so von der Panik eines volatilen Marktes nicht anstecken lässt.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Artikel aufzeigen konnte, wie wichtig die Volatilität für die täglichen Handelsentscheidungen an der Börse ist und wie man Volatilitätsindikatoren nutzen kann, um selbst in panischen Börsenphasen aktiv Risikokontrolle zu betreiben.

4 Gedanken zu „Technische Indikatoren für stürmische Börsen-Zeiten: Verwendung der Volatilität zur aktiven Risikokontrolle

  1. Nico Popp Beitragsautor

    Ich hoffe, den Inhalt dieses Artikels kannten viele, die noch übers Wochenende bei VW investiert waren, schon vorher. Bei VW läuft das Risikomanagement ja wohl eher über die Positionsgröße als über den Stop. Allein schon, wenn wie heute viele Scheine nicht handelbar sind. Da sollte die Position so groß sein, dass man einen Totalverlust verschmerzen kann.

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  2. Pingback: Aktien-Blog » Gelassen trotz Verlusten: Moneymanagement hilft nicht nur in stürmischen Börsenzeiten

  3. frlaspina

    Hallo an alle,
    bin gerade dabei in meinem automatischen Tradingsystem die Steuerung der Positionsgröße anhand der Volatilität ATR zu programmieren, da ich fest davon überzeugt bin daß es zu den wichtigsten Kriterien des Tradings gehört. Gibt es jemand der mit der Software von GFT FXFLAT oder WHSELFINVEST programmiererfahrung hat, der mir helfen könnte.

    LG, frlaspina
    frlaspina@yahoo.de

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  4. Pingback: Artikelserie Teil 2.1 – Stoppkurse für den mittelfristigen Anleger » Stoppkurs, mittelfristig, anlegen, Oszilatoren, gleitende Durchschnitte, Volatilität, Risikomanagement » Spekulantenblog

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